Embodiment: Wie Sie Ihre Stimmung steuern können

Von Dr. Constantin Sander

Die meisten Menschen glauben, dass Ihr Gehirn vor allem zum Denken da sei. Aber das ist ein Irrtum. Denken ist eine Nebenfunktion unseres Gehirns. Seine Hauptaufgabe besteht darin, unsere Körperfunktionen zu regeln und ein physisches wie psychisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Zudem läuft nur ein Bruchteil der Hirnprozesse bewusst ab. Und so wird leicht verständlich, warum Denken oder sogar Grübeln uns manchmal nicht weiterbringt.

Köper und Geist, Wahrnehmung, Denken und Emotionen sind zu einer unauflöslichen Einheit verbunden. Das Gehirn ist ein Teil unseres Körpers und als solchen sollten wir es auch betrachten. Ohne den Köper wäre unser Gehirn nichts, gar nichts. Es wäre ein völlig nutzloses Organ, weil es seiner Sinne beraubt wäre. Sehen, hören und fühlen können wir nur mit unserem Körper. Und den braucht unser Gehirn auch, um die Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Intelligenz geht nicht ohne einen Körper. Das hat inzwischen sogar die Forschung zur künstlichen Intelligenz festgestellt. Man spricht daher inzwischen von embodied cognition – verkörperlichtem Denken.

Wir sind aber eine sehr köperlose Gesellschaft geworden – jedenfalls, was das Denken angeht. Dabei bietet uns unser Köper mannigfaltige Möglichkeiten, mentale Prozesse positiv zu unterstützen. Dazu will ich Ihnen hier eine kleine Anleitung geben.

„Wie man geht, so geht es einem“ sagt der Psychotherapeut Gunther Schmidt. So ist es. Achten Sie doch einmal ganz bewusst darauf, wie Sie gehen. Verändern Sie einmal die Art und Weise Ihres Gehens, also variieren Sie z.B. Tempo und Köperhaltung.

Gehen Sie eher mit gebeugter Haltung oder gehen Sie aufrecht? Achten Sie auch einmal auf Ihren Kopf. Ist der leicht angehoben oder schauen Sie auf den Boden vor sich? Was geschieht, wenn Sie die Ferne, gewissermaßen Ihr Ziel fokussieren? Probieren es Sie aus! Testen Sie verschiedene Gehvarianten. Und achten Sie darauf, wie sich Ihre Stimmung verändert. Möglicherweise geschieht das nicht unmittelbar. Gehen Sie ruhig eine oder mehrere Minuten.

Während Sie das tun, sei Ihnen noch mit auf den Weg gegeben, dass Ihr Gehirn, während Sie in Bewegung sind, bis zu 30% stärker durchblutet ist. Das ist dem Denken natürlich alles andere als abträglich. Auch sollten Sie wissen, dass rhythmische Bewegungen, dazu gehört auch schnelles Gehen, eine sehr gute Methode zum Stressabbau ist.

Nun, wie sieht es aus? Sind Sie in Bewegung? Wie wirkt sich das Gehen auf Ihre Stimmung aus. Und wie verändert sich Ihre Stimmung mit den verschiedenen Arten des Gehens? Wenn Sie hier einmal bewusst wahrnehmen, ja ganz bewusst auf Ihre Empfindungen achten, dann finden Sie bestimmt einige Formen des Gehens, die Ihre Stimmung heben. Ist es so? Wenn ja, dann verstärken Sie diese Muster leicht – und zwar solange, bis Sie meinen, ein Optimum gefunden zu haben. Sie können nun dieses Muster immer dann einsetzen, wenn Sie Ihre Stimmung anheben wollen.

Aber natürlich wollen Sie nicht immer gleich loslaufen, wenn Sie Ihre Stimmung verbessern wollen. Es funktioniert aber auch im Sitzen oder Stehen. Achten Sie hier einmal auf Ihre Haltung. Wie sind Sie mit dem Boden verankert? Gar nicht? Dann setzen Sie Ihre Füße so auf, dass Sie festen Kontakt zum Boden haben. Wie ist die Haltung Ihres Oberköpers? Richten Sie ihn auf, dehnen Sie Ihren Brustkorb leicht nach vorn und ziehen Sie dabei Ihre Schultern etwas nach hinten. Heben Sie schließlich Ihren Kopf leicht an.

Und wenn Sie nun noch mehr machen möchten, dann achten Sie auch auf die Haltung Ihrer Arme und Hände. Auch hier können Sie ausprobieren. Suchen Sie einmal eine Haltung, die Ihre Stimmung verbessert.

Sie können aber natürlich auf diese Weise auch ganz gezielt eine Haltung oder ein Bewegungsmuster finden, dass zu Ihrer Stimmung passt. Köpersprache ist nicht nur der körperliche Ausdruck Ihrer Stimmung, sondern Körpersprache können Sie ganz gezielt einsetzen, um Stimmungen zu steuern. Man spricht auch von Body-Feedback. Seien Sie hier kreativ, probieren Sie es einmal aus. Sie werden feststellen, dass Haltungen und Bewegungsmuster irgendwann ins unwillkürliche Repertoire Ihrer Körpersprache eingehen. Sie müssen Sie dann nicht mehr bewusst einsetzen, sondern Sie wenden Sie ganz automatisch an.

Übrigens funktioniert das auch umgekehrt. Achten Sie einmal darauf, wie sich Ihre Stimmung auf Ihre die Körperhaltung auswirkt. Welche Haltung nehmen Sie ein, wenn sie eher demotiviert sind, wie bewegen Sie sich, wenn Sie hochmotiviert sind? – Es ist ein Wechselspiel zwischen Körper und Geist, zwischen Emotion und Kognition.

Für gezieltes Embodiment brauchen Sie keinen Trainingsfahrplan. Sie können es jederzeit und an jedem Ort einsetzen. Sie tun das ohnehin schon. Aber zumeist unbewusst. Lassen Sie sich überraschen, wie sehr Sie allein durch gezielt eingenommene Haltungen und ausgeführte Bewegungen, Stimmungen steuern können. Aber eine Bitte, Übertreiben Sie es nicht, bleiben Sie authentisch!

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