Hans im Glück im digitalen Zeitalter

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Hans im Glück im digitalen Zeitalter – Von Dr. Ines Draxl

Um die Zeit eines sogenannten runden Geburtstages herum befiel Hans eines Tages ein eigenartiges Gefühl der Unruhe, das er so nicht kannte.

Eigentlich lief doch gerade alles ziemlich gut in seinem Leben. Der letzte Karrieresprung lag erst zwei Jahre zurück, die Einrichtung des Hauses war beinahe abgeschlossen, die Kinder sind schon tüchtig in der Schule unterwegs und seine Frau, ja, da fiel ihm jetzt nichts ein, die war wie immer.

Er verstand also gar nicht, was da mit ihm los war und machte weiter wie gewohnt. Jeden Tag im Job alles geben, am Wochenende wann immer möglich Zeit mit der Familie verbringen, ab und zu eine Geschäftsreise, zweimal im Jahr Familienurlaub, einmal in der Woche Tennis mit dem Kollegen.

Aber irgendwas war anders, und dieses andere Gefühl blieb. Leider. Denn Hans gefiel das gar nicht, das, wofür er nicht einmal einen Namen hatte, es verunsicherte ihn. Er reagierte also auf die ihm vertraute Weise, wenn er sich unsicher fühlte. Er legte noch ein bisschen zu, arbeitete mehr, strengte sich mehr an beim Sport, machte mehr Programm für die Familie am Wochenende.

Aber es funktionierte diesmal nicht. Die Kollegen empfanden seine Intensität als Druck und reagierten gereizt. Die Kinder motzten und Sofie, die kluge Ehefrau, wich ihrem Mann zunehmend aus. Hans legte, etwas müde, aber einsatzbereit wie immer, noch mal nach mit seinem Bemühen, seine Umgebung allerdings mit ihrer Reaktion auch. Da bekam er es mit einem Gefühl zu tun, das auch einen Namen hatte. Hans bekam Angst. So richtig Angst. In der Früh wenn der Wecker losging, war es am schlimmsten, sein Herz schlug schnell, er fühlte sich hilflos. Hans lernte die Beklemmung in der Früh auszuhalten, aber es ging ihm nicht gut. Die Angst hatte unfreundliche Begleiter mitgebracht, kleine bohrende Fragen, die Hans tagsüber piksten wann immer sie dazu Gelegenheit fanden.

Als Hans eines Abends mit seinen Kollegen ausging, um den erfolgreichen Abschluss eines Projektes zu feiern, fragte er die anderen ob Sie nicht auch manchmal darüber erschrecken würden, wie schnell die Zeit verginge? Die ändern sahen ihn verständnislos an.

„Ja, ich meine, machen wir auch das Richtige, vielleicht sollte man andere Dinge tun, vielleicht geht irgendwas an uns vorüber und wir merken es gar nicht.“

Ein Kollege wirkte betroffen, ein anderer verwirrt, einem schien es peinlich zu sein. Da hob einer schnell sein Glas und meinte:

„Oje, was ist denn das für ein gestriges Thema, besprich’ s doch mit dem Opa. Komm, trinken wir lieber noch einen auf unsern Erfolg, da versäumen wir sicher nichts!“

Alle lachten, auch Hans stimmte ein.

In dieser Nacht allerdings konnte er nicht schlafen und er fasste einen Entschluss. Am nächsten Tag machte Hans in der Arbeit früher Schluss, er behauptete er habe einen Brummschädel vom Vorabend. Und dann fuhr er seinen Großvater besuchen.

Hans’ Großvater war schon sehr, sehr alt und, wie soll man sagen, ja ein wenig verwirrt. Sofie und die Kinder meinten er wäre allmählich gaga. Der Arzt hatte von Durchblutung im Gehirn geredet und überhaupt in dem Alter, was wollen sie da erwarten. Hans jedenfalls hatte das dringende Bedürfnis, seinen Opa zu sehen, ob heute ein guter Tag war oder nicht, war ihm egal.

Der Großvater saß auf der Bank vor seinem kleinen Haus und starrte in sein kleines Gärtchen. Er schien nicht überrascht Hans zu sehen, obwohl weder Weihnachten noch Ostern noch Geburtstag war. Er klopfte neben sich auf die Bank und Hans setzte sich. So saßen sie da, eine Weile.

Dann sagte Hans „Es geht mir nicht gut.“ „Mmh.“ Sagte der Großvater. Da erzählte Hans alles, was ihm so durch den Kopf ging, seine eigenartige Unruhe, seine Zweifel, seine ungewohnten Ängste, sein Gefühl, im falschen Film zu sein, seine tiefe Verunsicherung, zum ersten Mal im Leben. „Ich mache doch alles wie früher, wieso bin ich nicht glücklich?“.

Schlafen auf ParkbankAn dieser Stelle sah Hans seinen Großvater an. Der schlief. Da stand Hans leise auf und wandte sich zum gehen. Der alte Mann murmelte etwas im Schlaf, sein Enkel meinte etwas wie „Woche“ zu verstehen. Hans lächelte und sagte „ja, bis nächste Woche“. Irgendwie fühlte sich Hans ein wenig ruhiger, obwohl er nicht hätte sagen können, warum. Als Hans nächste Woche wieder zu seinem Großvater kam, wusste er nicht, ob der alte Mann sich an die Woche davor erinnern konnte. Sie saßen wieder auf der Bank, der Großvater hatte einen Teller Obst aus dem Garten neben sich stehen. Hans fing wieder an zu erzählen, diesmal erzählte er, wie es ihm in der letzen Woche so ergangen wäre. Der Großvater schien ihm heute weit weg zu sein, in seiner eigenen Welt. Mehr zu sich selbst sagte Hans „was soll ich nur tun, Opa?“ Der Großvater zuckte leicht zusammen.

Er spuckte einen Zwetschkenkern aus und sah lange der Flugbahn nach. Dann sagte er versonnen „hübsche Frau“. Der Enkel dachte bei sich „jetzt ist er völlig hinüber“, da sah er im Nachbargarten eine Frau beim Rosenschneiden.

Sie war wirklich hübsch. „Du musst dich drauf einlassen,“ sagte der Großvater plötzlich. Diesmal zuckte Hans zusammen, der gerade die Frau betrachtet hatte und sagte „worauf?“

„Aufs Leben, du musst dich drauf einlassen,“ sagte der Großvater. „Und die Angst?“ fragte Hans. Der alte Mann zuckte mit den Achseln.

Den ganzen Sommer über besuchte Hans einmal pro Woche seinen Großvater. Seine Kollegen hatten sich daran gewöhnt, dass er Mittwochnachmittags keine Termine mehr ausmachen wollte und es war Ihnen recht, denn was auch immer er an diesem Tag tat, es besserte seine Laune. Schon waren sie wieder zu seinem alten Spitznamen zurückgekehrt „der Hans im Glück“.

Und dann kam der Tag. Ein merkwürdiger Tag, der schon merkwürdig begann. Hans wachte in der Früh auf und die leichte Besserung der letzten Wochen war weg, sein Herz raste schlimmer denn je, der kalte Schweiß brach ihm aus. Er taumelte in die Küche, da lag ein Zettel von Sofie, sie wäre schon weg, er müsse die Kinder zur Schule fahren.

Hans schaffte es irgendwie, die Kinder zu wecken und alle drei verließen spät das Haus, er lieferte die Kinder in der Schule ab und beeilte sich ins Büro zu kommen.

Er dachte, das Schlimmste habe er hinter sich, wollte das Gebäude betreten, und gerade als er die Tür in der Hand hatte, kam die Angst wieder, das Zittern, das Schwitzen. Er drehte um, lief ums Hauseck herum, flüchtete sich in die Einfahrt des nächsten Hauses und lehnte sich an die kühle Wand.

Er suchte sein Mobiltelefon aus der Tasche und rief im Sekretariat an, er komme nicht, müsse zum Arzt. Und dann fuhr er geradewegs zum Garten des Großvaters. Als er dort ankam, sah er, dass der alte Mann nicht wie sonst auf seinem Bänkchen saß, sondern im Lehnstuhl lag, eine Decke über den Beinen. Der Arzt war gerade bei ihm gewesen, er beruhigte Hans, er habe seinem Patienten ein kreislaufstärkendes Mittel gegeben. Hans trat zu seinem Großvater um ihn zu begrüßen und erschrak ein wenig über dessen müdes Aussehen. Doch da blickte ihn sein Großvater an und dieser Blick war hellwach, ganz anders als sonst. „Was ist los?“ fragte der Großvater. Da brach es aus Hans heraus, dass sein ganzes Leben falsch sei und er alles ändern müsse und so ginge es überhaupt nicht weiter und … da unterbrach ihn ein Seufzen und sein Großvater sagte: „Weißt du, wir haben früher schwarz-weiß ferngesehen, aber wir haben nicht schwarz-weiß gedacht.

Aber ihr heute, ihr seid so oft ja oder nein, ganz oder gar nicht. Wie das blöde digitale Fernsehen. Entweder ein gestochen scharfes Bild oder – gar keines. Früher sind wir mit der Antenne durchs ganze Zimmer gelaufen, das war ein Abenteuer, und irgendwie gab es dann ein Fernsehbild, mal besser mal schlechter. Da kannte man sich aus, heute Schlechtwetter, schlechtes Bild, morgen wird’s dann wieder besser sein. Ich hab’s dir schon einmal gesagt Junge, du musst loslassen. Du weißt ja noch gar nicht was du willst, wie willst du denn da gleich Entscheidungen treffen?“ Hans fühlte sich plötzlich ganz kurios und sah sich selbst mit einer riesigen alten Zimmerantenne in der Hand durch die Stadt laufen, da musste er auf einmal lachen, das erste richtige Lachen seit Wochen.

„Danke, Opa,“ sagte er, doch der schien schon wieder entrückt, summte vor sich hin. „Hübsche Frau,“ murmelte er. Hans blickte auf und sah Sofie, die aus dem Haus kam. „Wie lange bist du denn schon hier?“ fragte Hans erstaunt. „Schon eine ganze Weile“, sagte Sofie lächelnd „Opa hat in den letzten Wochen nicht nur von dir Besuch bekommen“.

An diesem Tag saß Sofie neben Hans auf dem Bänkchen und während der Großvater ein verdientes Nickerchen machte, sprachen die beiden miteinander wie schon seit langem nicht mehr, vielleicht waren sie sich auch noch nie so nahe gewesen. Sofie, erfuhr Hans, ging es nämlich gar nicht viel anders als ihm selbst. Sie saßen eine ganze Weile so beisammen und starrten in den kleinen Garten, wie es sonst nur der Großvater tat. Als sie einander ihr Herz ausgeschüttet hatten, wussten sie eigentlich gar nichts mehr – und zugleich mehr als sie vorher je gewusst hatten.

Sie waren bereit, sich „drauf einzulassen“, wie es der Großvater genannt hatte.

„Sieht so aus, als würden wir irgendwie wieder von vorne anfangen,“ meinte Hans. „Ja, sieht ganz so aus,“ sagte Sofie, „und vielleicht nicht nur dieses eine Mal.“ Da mussten sie lachen.

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